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ReadMe.txt © 2004 Björn Wieland |
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Gewinner des 2. Kölner Kurzgeschichten Wettbewerbes, veranstaltet vom Institut für Deutsche Sprache und Literatur und der Fachschaft Germanistik der Universität zu Köln. |
Hallo. Falls Ihr erwartet habt, hier einen Softwarehinweis, Serverregeln, etwas über Appz oder Warez zu lesen, muss ich Euch enttäuschen. Ich weiss, es gibt nichts, das ich jetzt noch tun kann, Euch daran zu hindern, einfach weiter zu surfen und diesen Text zu vergessen, es sei denn, Ihr seid interessiert oder gleichgültig genug, weiter zu lesen. So ist es eben. Das Internet ist wie der moderne Krieg, man drückt einen Knopf und vergisst, was man soeben noch auf dem Bildschirm gesehen hat. Aber ich bin nicht hier um eine Predigt zu halten.
Ich will Euch eine Geschichte zu erzählen. Es war einmal vor nicht allzu langer Zeit ein Informatik-Student, der für seine Computer gelebt hat. Er verbrachte die Nächte vor dem Computer, die Tage in Kursen über Datenbankdesign, Netzwerkarchitekturen und anderem EDV-Quatsch und befriedigte seine sexuellen Gelüste mit billigen Pornobildchen aus dem Internet. Eines Tages las er eine Anzeige, dass ein Forschungsprojekt für Künstliche Intelligenz Probanden suchte. Beeindruckt von der hohen Vergütung und neugierig, was KI mit Probanden zutun hatte, meldete er sich und wurde angenommen. Dieser Student war ich. Vielleicht auch nicht, das ist Ansichtssache, aber dazu kommen wir später.
Man erzählte mir, dass man es endlich geschafft hätte, eine Methode zum Übertragen von Gehirnströmen auf ein Computersystem zu entwickeln. Die Tierversuche waren erfolgreich verlaufen und man wollte die ersten Menschenversuche wagen. Ich war fasziniert, schliesslich hatte ich wie jeder gute Computernerd die Bücher von William Gibson und Tad Williams kiloweise verschlungen. Als eher dicklicher Mensch, dessen Äusseres eher als suboptimal beschrieben werden konnte, hatte die Vorstellung, körperlos durch Computerwelten zu reisen, für mich offensichtliche Reize.
Um so grösser war meine Ernüchterung, als mir offenbart wurde, dass sich für mich nichts ändern würde, da meine Gehirnströme nur kopiert würden. Ein Wissenschaftlicher Mitarbeiter machte scherzhaft die Bemerkung, ich würde ihnen bloss die Kopie meiner Seele verkaufen und könnte nach dem Wochenende wieder nachhause. Und 4000 Euro Aufwandsentschädigung seien schliesslich auch nicht zu verachten. Stimmt, dachte ich und unterschrieb.
Ich wurde natürlich einer Reihe von Tests unterzogen. EKGs und EEGs wurden angefertigt, Maschinen kalibriert, Berechnungen angestellt und so weiter und so fort. Dann schloss man mich an einen Computer an, das heisst, ich musste mich von meinen geliebten fettigen langen Haaren verabschieden und man klebte Elektroden auf meinen Skalp. Dann musste ich ein paar Stunden in einem Sessel sitzen, durfte soviel Chips essen, Cola trinken und Fernsehen gucken, wie ich wollte, und wachte plötzlich auf und es war dunkel.
Ich konnte nichts sehen, hören oder fühlen. Ich bekam ein wenig Angst und rief nach den Versuchsleitern, jedenfalls glaubte ich zu rufen, denn ich konnte auch meine eigene Stimme nicht hören. Ich rief lauter, schrie schliesslich, aber nichts änderte sich. Ich rastete aus. Aber es gab nichts, gegen das ich schlagen konnte. Ich glaube, ich habe auch geweint, aber fühlen konnte ich es nicht. Stunden vergingen.
Dann sah ich plötzlich den Versuchsleiter, Prof. Becker. Er saß auf einem Bürostuhl in einem Labor. Im Hintergrund sah ich einige Bildschirme und Techniker, hörte das Surren der Computer. Ich beruhigte mich. Er fragte mich, wie ich mich fühle. Ich antwortete, soweit sei alles in Ordnung, und fragte, was passiert sei. Ich versuchte, mich umzusehen. Es ging nicht. Nun fiel mir auf, dass ich immer noch nichts fühlte und die Angst kehrte teilweise zurück. Becker erklärte mir, alles sei nach Plan verlaufen. Ich fragte ihn, warum ich dann meinen Körper nicht mehr fühlen könnte, wenn alles in Ordnung sei. Er antwortete mir, das wäre normal, ich könne meinen Körper nicht mehr fühlen, weil ich keinen Körper besäße. Ich musste an ein altes Musikvideo von Metallica denken. Dann sagte ich, das sei Unsinn, ich hätte doch vor einigen Stunden noch im Versuchssessel gesessen und ferngesehen.
Er schwieg. Statt einer Antwort griff er unter den Tisch und hielt mir einen Spiegel vor die Augen. Ich sah eine Webcam. Eine Ahnung beschlich mich. Becker sagte mir, da wäre jemand, der mit mir reden wolle, er stand auf und eine glatzköpfige Version von mir setzte sich auf seinen Platz und trank Cola aus einem Becher. So begann das erste von vielen Gesprächen mit mir selbst.
Es stellte sich heraus, dass nur etwas mehr als 10 Minuten seit dem Ende des Versuchs verstrichen waren. Ich hätte mir denken können, dass, wenn die Gedanken mit annähernder Lichtgeschwindigkeit liefen, sich mir ein neues Zeitgefühl bieten würde. Mein Alter-Ego, oder vielmehr mein Ego fragte mich, wie ich mich fühle, und ich antwortete, es ginge mir scheisse. Damals hatte ich die gesamte Tragweite noch nicht begriffen, aber eine erste Vorahnung beschlich mich, als mich eine schwer zu beschreibende Angst packte, als sich mein anderes Ich von mir verabschiedete und wieder Platz für Prof. Becker machte.
Er informierte mich, es seien noch einige Tests nötig, ich sollte mir keine Sorgen machen und bevor ich etwas erwidern konnte, kehrte die Dunkelheit zurück, als er Kamera und Mikrofone abschaltete.
Dieser Zustand war nicht deswegen schlimm, weil mir vielleicht kalt war, weil es dunkel war oder weil ich Schmerzen hatte. Nein, all das traf nicht zu. Es war furchtbar, weil ich nichts hatte, an dem ich festmachen konnte, ob ich wirklich existierte. Nach einer halben Ewigkeit wusste ich schliesslich auf einmal, dass es früher Abend war. Ich wusste zu dem Zeitpunkt nicht, wieso ich das wusste, aber ich wusste es. Später erklärte man mir, man habe mir Zugriff auf eine Computeruhr gegeben, damit ich einigermassen ein Zeitgefühl hätte. Es war sicherlich gut gemeint, aber es resultierte nur in einer einzigen Änderung: unglaubliche Langeweile. Immer wenn ich auf die Uhr zugriff, waren erst ein paar Sekunden oder Minuten vergangen.
Nach einer halben Stunde schrie ich schliesslich nach einem Mitarbeiter und es kam auch tatsächlich jemand und las sich mein Problem durch. Nach kurzer Besprechung mit ein paar anderen Mitarbeitern wurde ich gefragt, ob ich Lust hätte, gegen einen Computer Schach zu spielen. Ich spielte 397 Partien in etwas über 13 Stunden.
Am nächsten Tag liess man mir ein wenig mehr Freiheiten und ich konnte mich eingeschränkt innerhalb des Institutsnetzwerkes bewegen. Ich las Forschungsberichte, konnte mir MP3s auf den Rechnern der Wissenschaftler anhören, guckte Fernsehen, spielte Strategiespiele und fand sogar ein paar schweinische Filmchen in Ordnern, die versehentlich freigegeben waren. Das Fernsehen gefiel mir am besten, weil ich es in Echtzeit sehen konnte und vergass, dass ich im RAM eines Hochleistungsrechners lebte. Ich unterhielt mich mit meinem „Spender“, also meinem körperlichen Zwilling in der echten Welt, was sich aber auch als langweilig herausstellte, weil er mir zu langsam war und wir meistens sowieso der gleichen Meinung waren. Jedoch stellte ich bald fest, dass sich erste Differenzen im Bezug auf Computer ergaben. Mein Spender legte diesbezüglich immer noch den gleichen Enthusiasmus an den Tag, an den auch ich mich erinnern konnte. Ich vermied dieses Thema nach ein, zwei Sitzungen.
Ich verstand mehr und mehr, wie ich „funktionierte.“ Ich will nicht in die technischen Details gehen, aber im grossen und ganzen war ich ein Browser mit eigenem Willen. Nach einiger Zeit wusste ich mehr über mich selbst als die Wissenschaftler und ich erlaubte mir einige Scherze mit den Messergebnissen. Doch auch dieses wurde mir bald zu langweilig. In einem Anfall von Wut suchte ich nachts nach einem Weg, mir die Zeit zu vertreiben und schaffte es, die Firewalls des Instituts auszutricksen. Ich gelangte ins Internet. Ich war frei.
Das dachte ich zumindest zuerst. Aber auch das Internet besteht nicht aus unendlichen Weiten. Früher hatte ich mir die virtuelle Realität immer wie ein digitales Kunstwerk vorgestellt. Gleissende Strassen voller pulsierender Impulse, grosse, glänzende digitale Bauwerke. Lächerlich. Die wirkliche Realität war noch nicht einmal ernüchternd.
Stellt Euch vor, nackt bei totaler Windstille auf einer stockfinsteren Autobahn zu stehen, auf der Ihr als einzigen Orientierungspunkt Eure ausgestreckten Arme habt. So sieht es in Wirklichkeit aus. Wenn Ihr eine Homepage betretet, stehen Euch alle Informationen sofort, ohne Verzögerung zur Verfügung, da nichts von Euch betrachtet werden muss. Euer Gehirn muss keine Lichtimpulse als Buchstaben interpretieren und aus den Buchstaben Wörter formen. Es muss nichts downgeloadet werden. Ihr seid die Daten, ein konstanter Strom von Up- und Downloads mit Lichtgeschwindigkeit.
Jetzt werdet Ihr sagen, das Internet ist doch aber so voll von Informationen, so ergiebig. Tut mir den Gefallen und seht mal in Eueren eMail-Posteingang. Wieviel Spam seht Ihr dort? Achtzig Prozent des Internets bestehen aus Pornos und Werbung. Und Ihr nennt das ergiebig? Am meisten kotzt mich die Pseudo-Viagra Werbung an. Selbst wenn ich etwas kaufen könnte, was wollte ich jetzt mit dem Zeug?
Ich kann sehen oder hören, wenn ich eine Webcam oder ein Mikrofon freigegeben vorfinde. Chat und e-Mail bringen mir gar nichts. Entweder glaubt man mir nicht oder ich habe es nur mit Spinnern zu tun. Spinner wie jetzt einer mit meinem Körper vor seinem Scheiss-Computer sitzt. Spinner, die mich beneiden. Es läuft nicht wie im Film, weder im richtigen Leben, noch hier. Ich kann nicht sämtliche Telefone der Welt gleichzeitig klingeln lassen.
Transhumanisten und andere Advokaten der maschinengestützten Evolution preisen das, was mir widerfahren ist, als Zukunft der Menschheit an. Selbstgesteuerte Entwicklung, dass ich nicht lache.
Das Experiment ist jetzt genau 5 Tage, 8 Stunden, 12 Minuten und 13 Sekunden her und ich langweile mich, leider nicht zu Tode. Und es wird ewig so weitergehen, bis irgendwann mal vielleicht ein globaler Stromausfall zuschlägt. Euer Untergang wäre somit meine Erlösung.
Ich brauche kein Geld, ich habe keinen Hunger, ich habe Zugriff auf schätzungsweise neunzig Prozent des Wissens der gesamten Menschheit und ich bin, aller Voraussicht nach, unsterblich. All das sind Werte, von denen die meisten träumen und, seien wir doch mal ehrlich, es hört sich ziemlich nach Gott an, oder? Und je mehr ich darüber nachdenke, genauso wie mit Gott, wissen die meisten Menschen nicht, ob oder dass es mich gibt. Und genauso wie er werde ich warten und Euch dabei zusehen, wie Ihr sterben und verrotten werdet. Aber ich denke es gibt einen fundamentalen Unterschied. Wenn es Ihn gibt, könnte Er Euch helfen. Ich kann das nicht, selbst wenn ich es wollte.